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Castro - Graphic Novel / Comic
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| von Reinhard Kleist, mit einem Vorwort von Volker Skierka |
| 280 Seiten, Hardcover, farbig, Deutschland: € 16,90 / Oesterreich: € 17,40 / Schweiz: sFr 30,90, Erscheinungsdatum: 1. Oktober 2010, Carlsen Verlag, ISBN 978-3-551-78965-5 |
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Marta Feuchtwanger Copyright Volker Skierka
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| Ein Don Quijote gegen Dummheit und Gewalt |
Einstündiges Radio-Feature von Volker Skierka für NDR-Kultur aus Anlass des 50. Todestages am 21. Dezember 2008 und des 125. Geburtstages des deutsch-jüdischen Schriftstellers Lion Feuchtwanger am 7. Juli 2009 sowie ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Literaturexperten Prof. Fritz J. Raddatz.
Der Freund und Weggefährte von Bertolt Brecht, Heinrich und Thomas Mann, Arnold Zweig sowie anderen literarischen Zeitgenossen zählte zu den ersten, den die Nationalsozialisten nach der Machtergreifung Hitlers ausbürgerten. 1933 zog der Verfasser historischer Romane wie „Jud Süß“, „Erfolg“, „Der jüdische Krieg“ und „Goya“ zunächst nach Sanary-sur-mer an der französischen Mittelmeerküste. 1940, nach dem Überfall Deutschlands auf Frankreich, mußte er er unter dramatischen Umständen in die USA fliehen. „Die Dummheit der Menschen ist weit und tief wie das Meer“, schrieb er 1933 in einem Brief an Zweig. Seine Arbeit widmete der linksbürgerliche Romancier dem – vergeblichen - Kampf der Vernunft gegen Dummheit und Gewalt. Volker Skierka, Journalist und Biograf Feuchtwangers, zeichnet dessen Leben anhand von Dokumenten, Interviews und – bislang unveröffentlichter - Tonbandaufnahmen zahlreicher Gespräche nach, die der Autor einst mit Feuchtwangers Witwe Marta und seiner Sekretärinnen Lola Sernau führte.
(Mehr unter Menüpunkten "Publikationen / Lion Feuchtwanger" sowie "Villa Aurora") |
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Konzentrationslager Birkenau (Auschwitz). - Text und Fotos: Volker Skierka
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| Weiße Flecken, dunkle Geschichte |
Aus: Der Tagesspiegel, 20. Jan. 2006
80 Jugendliche, Deutsche und Polen, auf der Suche nach der Wahrheit, die die Nazis unterdrückt haben. Versuch einer Versöhnung
Alles ist wie in Watte gebettet. Der Schnee liegt hoch, die Bäume und der doppelte Stacheldrahtzaun sind weiß überpudert. In klirrender Kälte passieren die polnischen Germanistik-Studentinnen Kasia Król und Maria Mrówca das weit geöffnete Tor unter dem Schriftzug „Arbeit macht frei“. Es ist früh am Tag. Man ist allein im ehemaligen Menschen-Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau. Stumm, in sich gekehrt und ziellos gehen die jungen Frauen durch die einsamen Lagerstraßen, stehen in einer der ehemaligen Gefangenen-Unterkünfte plötzlich vor einer 20 Meter langen Glaswand, hinter der zwei Tonnen Menschenhaar liegen. Es konnte wegen der Befreiung des KZs nicht mehr an die Textilindustrie geliefert werden.
Kasia, die große, schlanke Dunkelhaarige, ist 21 Jahre alt, Maria, etwas kleiner und blond, ist 23. Ihre Gesichter sind wie versteinert. Draußen sagt Kasia nur: „Wenn man daran denkt, dass viele der Täter und der Opfer in unserem Alter waren …“ Dann nimmt Maria den Faden auf und sagt: „Ich glaube, es ist wichtig für die Deutschen, dass Menschen anderer Nationen mit ihnen darüber sprechen.“
In dem massiven roten Backsteinbau mit der Nummer 24, wo das Archiv jenes Ortes untergebracht ist, haben Kasia und Maria mit drei Kommilitoninnen und einem Kommilitonen von der Universität des 60 Kilometer entfernten Krakau mit einem einzigartigen deutsch-polnischen Geschichtsprojekt begonnen.
Die Studenten forschten nach Lücken und Manipulationen in der seit dem Überfall Hitlers auf Polen 1939 gleichgeschalteten Lokalpresse. Diese „weißen Flecken“ in der offiziellen Berichterstattung, versuchten die Studenten 60 Jahre nach Kriegsende mit Wahrheiten zu füllen. „Hunderte von dicken Bänden, Tagebücher und Dokumente, liegen hier“, sagen sie. „Wir haben einfach einige herausgegriffen, darin geblättert und gelesen. Das war der Anfang.“
Herausgekommen ist dabei aber nicht eine neue Arbeit über den Massenmord von Auschwitz, sondern eine Untersuchung über ein nahezu unbekanntes Thema – über den damals weitverzweigten und oft tödlichen Widerstand der gut organisierten polnischen Pfadfinderbewegung und deren Untergrundpresse im Raum Krakau...
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Die Stadt der bezahlten Kindermörder |
Brasilien |
Die Stadt der bezahlten Kindermörder |
Rio de Janeiro: Das tödliche Los, stehlen zu müssen |
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Weil die brasilianische Metropole der Straßenkriminalität nicht Herr wird, greift Selbstjustiz durch Killerkommandos immer mehr um sich.
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© Volker Skierka |
Süddeutsche Zeitung Nr.108, Seite 2, 11. Mai 1991 |
Rio de Janeiro, im Mai - Die schweren Wolkenbrüche der letzten Stunden haben es nicht geschafft, die großen Blutlachen an der Straßenecke Milton Silva/Valengia im Armenviertel Zumbi dos Palmares vollends fortzuspülen. Straßenköter schnüffeln an den rötlich schimmernden Pfützen und dem blutverschmierten Gras am Gehwegrand. Passanten machen einen Bogen um diese Stelle, an der eine Todesschwadron vier Arbeiter erschoß, die mit ihren Familien in den Hütten gegenüber lebten. ''Sie kamen kurz vor Mitternacht. Es waren sieben, schwer bewaffnet. Sie holten die vier Männer aus ihren Betten, zerrten sie auf die Straße und brachten sie sofort um'', erzählt eine Nachbarin.
''Die Leute hier wissen nicht, warum man diese Männer ermordet hat. Sie waren einfache Arbeiter, keine Diebe, keine Banditen'', sagt Pater Louis. In der Presse wird vermutet, daß sie einer Verwechslung zum Opfer gefallen sind. Jorge Luis Quintanilha, den sie Dody nannten, wurde nur 23 Jahre alt. Wir stehen unter dunkelhäutigen, ärmlich gekleideten Menschen in einer kleinen Aussegnungskapelle um seinen geöffneten Sarg. ''Er arbeitete in einer Flugzeugteilefabrik und besuchte regelmäßig einen Fortbildungskurs seiner Firma. Er wollte weiterkommen, heraus aus der Ar-mut'', erzählt der Pater. Schluchzen erfüllt den schmucklosen Raum auf dem Friedhof von Nueva Iguagu, einer vor allem aus Elendsvierteln beste-henden Millionenvorstadt, weitab von Zuckerhut und Copacabana. Die 20 Jahre alte Witwe preßt ihr Gesicht an die Schulter einer Verwandten und versucht die Tränen zu ersticken. Auf dem Arm trägt sie ihre zweijährige Tochter.
c[''Leben wie Kakerlaken''
Die Versammelten stimmen einen lauten, verzweifelten Klagegesang an. ''Diese Menschen können nur noch schreien und weinen. Das Leben der Armen hat keinen Wert. Sie können sich nicht wehren und müssen leben wie die Ratten und die Kakerlaken'', schreit der Geistliche seinerseits zornig heraus. Jeden Tag, so erzählt er, suchen ihn die Angehörigen von vielleicht zehn Familien aus den Favelas, den Armenvierteln, wegen eines Trauerfalls auf. ''Sechs bis sieben von ihnen kommen, weil ihre Kinder oder die Männer von Todeskommandos erschossen, ermordet worden sind.'' Manchmal sind sie Opfer von Bandenkriegen, Machtkämpfen und Bestrafungsaktionen unter rivalisierenden Rauschgifthändlern und Gangster-gruppen, die ganze Stadtviertel regieren und denen sich die Bevölkerung zu unterwerfen hat.
Meist werden die Todeskandidaten jedoch von sogenannten ''Grupos de Exterminio'' umgebracht. ''Exterminio'' heißt Ausrottung, Auslöschung. Diese Ausrottungsgruppen bestehen oft aus aktiven oder ehemaligen Polizisten und Militärangehörigen, die in ihrer Freizeit gegen Honorar auslö-schen, was ihren oder ihrer Auftraggeber Vorstellung von Recht und Ordnung im Wege steht. Längst spricht man zynisch von einer ''Privatisierung der Justiz''. Wie eine Epidemie verbreitet sich vor allem in den letzten Monaten nicht nur in Rio, sondern im ganzen Land Selbst- und Lynchjustiz. Es reicht, ein kleiner Dieb zu sein, der wiederholt aus Hunger in einem Supermarkt stiehlt oder am Strand von Copacabana oder Ipanema Touristen mit vorgehaltener Waffe die Kamera oder das Geld abnimmt, um von selbsternannten Richtern zum Tode verurteilt und ''hingerichtet'' zu werden. Es wird nicht viel gefragt. Wenn es den Falschen, einen ''Unschuldigen'', erwischt, hat er Pech gehabt. Die soziale Not, in welche die neoliberale Wirtschaftspolitik die Bevölkerung immer tiefer stürzt, hat zur Folge, daß immer mehr, immer jüngere und fast nur schwarze Kinder vor die Flinten der Todeskommandos geraten.
Amnesty International schlug Alarm, weil allein im vorigen Jahr in Rio die Todesschwadronen knapp 500 Jugendliche unter 18 Jahren, davon drei Viertel zwischen 15 und 17 Jahren ermordet haben. Ein Polizist, Mitglied einer solchen ''Grupo de Exterminio'', erklärt seine Sicht der Dinge: ''Es gibt keine Kinder. Ein Kind von zwölf Jahren mit einer Waffe ist ein Bandit von zwölf Jahren. Sie leben auf der Straße, haben keinen Vater, keine Mutter und kennen nicht die Regeln der Gesellschaft.'' Die Masse nimmt diese Verbrechen eher gleichgültig hin. Und die Mittel- und Oberschicht, welche die Überfälle und Räubereien der Armen leid sind, tolerieren die Exekutionen nicht nur, sondern heißen sie vielfach gut. Oft sind es Mitglie-der dieser Schichten, die Killer bezahlen. Deshalb fand der Präsident des Einzelhändlerverbandes von Rio, Silvio Cunha, offenbar auch nichts da-bei, als er unlängst in einem Rundfunkinterview erklärte: ''Wenn jemand einen jugendlichen Delinquenten umbringt, ist es eine Wohltat für die Ge-sellschaft.''
Bislang blieben die Todesschwadronen unentdeckt. Zeugen schweigen aus Angst. Man weiß, die Mörder verdienen zwischen 2000 und 5000 Dollar monatlich und gehören zum Mittelstand mit Eigenheim und Auto. Die blutige Ernte der Killerbanden ist allmorgendlich in der Straßenzeitung O Povo na Rua zu besichtigen. O Povo na Rua heißt: ''Das Volk von der Straße''. Das Blatt lebt von den Toten, welche die Gewalt in Rio de Janeiro Tag und Nacht produziert. Großformatige Leichenphotos füllen stets die erste Seite und den Innenteil der Zeitung. Auch der Mord an Dody und den anderen drei war O Povo eine Aufmachung wert. Amado Ribeiro, ein bekannter Polizeireporter, hatte die Idee zu der Zeitung und gestaltet jetzt die Seiten. Manche Verbrechen würden in anonymen Anrufen annonciert, erzählt er, und in den Favelas kursieren Namenslisten von Todeskandidaten, manchmal hängen sie auch in Läden aus. ''Zum Sterben markierte Ziegen'' werden die Todeskandidaten im Milieu genannt.
''Es mag, ein Skandal sein, was wir hier machen. Aber das ist die Wahrheit über Rio. Ich arbeite nicht für die Fremdenverkehrsorganisation. In kei-ner unserer Ausgaben wird gelogen'', sagt Eduardo Faustini, der 38jährige Photochef des Blattes. 250 000 Exemplare werden täglich verkauft, etwa genausoviel wie von dem seriösen Jornal do Brasil. Die Gewalt hat nach den Worten Faustinis ''immer ihr Publikum''. Die Zeitung ist ein Geschäft. Sie gehört einem der großen Bosse des illegalen Glücksspiels. ''Wir können gar nicht alles drucken. Es ist zuviel.'' Täglich werden laut Faustini in Groß-Rio 40 Morde verübt. Das summiert sich auf 1200 im Monat, und fast 15 000 im Jahr. Die meisten Opfer sind zwischen 18 und 30 Jahren alt. Das bedeutet, daß in Rio jedes Jahr praktisch die junge Generation einer Kleinstadt ausgerottet wird. In der Reportersprache, die längst vom Volksmund übernommen wurde, heißen die Leichen ''Presuntos'', Schinken. Das Jornal do Brasil brachte dieser Tage die Schlagzeile: ''Gewalt bringt in Rio mehr Menschen um als Krebs.'' Die Taten würden, erzählt Faustini, ''von Tag zu Tag grausamer, perverser, sadistischer'' ausgeführt. Wer das Redaktionsgebäude von O Povo betritt, bekommt einen Eindruck davon. Neben dem Pförtner und dem mit einer angestrahlten Marienfigur geschmückten Treppenaufgang hängt eine zwei mal einen Meter große Bildtafel, die Zerschossene zeigt, Erwürgte, Ertränkte, Vergewaltigte und Vergewaltiger, denen die Geschlechtsteile abgeschnitten wurden, Verbrannte, Verweste, Enthauptete und Zerstückelte, unvorstellbar Zugerichtete.
Abgehackte Körperteile eines Opfers wurden in Hakenkreuzform auf der Straße zur Schau gestellt, einem anderen wurde das Herz aus dem Körper gerissen. Ein abgeknalltes Kind krümmt sich in Windeln, den Schnuller noch im Mund. Großmutter, Mutter und Tochter liegen vergewaltigt im Wohnzimmer in ihrem Blut. Droben in seinem Büro legt Photochef Faustini nach. Zwei Stapel von Hochglanzabzügen dokumentieren 360 Tage Gewalt, für jeden Tag ein Photo. Faustini will die Bilder den Vereinten Nationen zukommen lassen - als Anschauungsmaterial über die Baixada Fluminense, einen Slum, der in einem UNO-Bericht als gewalttätigster Ort der Welt eingestuft wurde. ''Ein deutscher Polizist'', so Faustini, ''würde hier jeden Tag ohnmächtig. Nach einer Woche erschießt er sich.''
''Solange es Hunger und kein funktionierendes Gesundheits- und Erziehungswesen gibt, wird es auch diese Bilder geben. Die Konjunktur des Elends zieht eine Konjunktur des Todes nach sich'', meint Faustini. Er empfindet sich als Kriegsberichterstatter. Während dieser Krieg in den Stra-ßen Rios tobt, mit einer Front, deren Verlauf längst die Armengürtel gesprengt hat und in die Wohlhabendenviertel hineinreicht, liegt die Staatsge-walt in Deckung und bereichert sich in der Etappe. Niemand traut hier mehr der Polizei und der Justiz. So gut wie nie wird ein Mörder verhaftet und verurteilt, geschweige denn ein Räuber. Es gibt Favelas, da lassen sich die Bewohner aus Angst vor der Polizei von Gangstern beschützen. ''Justi-cieros'' nennt Helio Luz, der 44jährige Polizeichef der Baixada Muminense, ein Repräsentant der politischen Linken, jene, die sich als ''Paten'' in den Favelas einführen und den Bewohnern zweifelhaften Schutz anbieten.
''Der Justiciero sorgt dafür, daß, wenn der Arbeiter abends nach Hause kommt, in seiner Hütte nichts gestohlen, die Gasflasche noch da ist, Frau und Tochter nicht vergewaltigt sind. Wenn sich der Justiciero etabliert hat, zieht er andere Saiten auf, treibt er Mieten ein, kassiert Schulden und nimmt sich die schönste Frau. Er wird zum Richter und zur gesetzgebenden Gewalt, umgibt sich mit Leuten, welche die Schmutzarbeit, Killerauf-träge für Unternehmer und Geschäftsleute, übernehmen. Er hat Zugang zur Macht. Dann wird aus dem Justiciero der Sicherheitschef des Bankiers, des Geschäftsmanns, des Politikers, schließlich der Wahlkampfmanager. Und eines Tages landet dieser Typ selbst im Stadtrat und im Parlament. So kommt es, daß bei uns Verbrecher mitten in der Politik sitzen'', skizziert Helio Luz das System. Viele Justicieros stecken im Drogengeschäft und bieten den Armen Arbeitsplätze.
Es ist ein System, in dem sich laut Statistik zehn Prozent der 155 Millionen Brasilianer 51,5 Prozent des Bruttosozialprodukts in Höhe von 303 Milli-arden Dollar zugute kommen lassen. Die Rentabilität eingesetzten Unternehmerkapitals beträgt 70 Prozent (Bundesrepublik etwa sieben Prozent). Die Löhne sind so niedrig, daß das riesige Brasilien als Binnenmarkt völlig unterentwickelt ist. Zugleich aber ist es das Land der Superreichen, der größten Vermögen in Lateinamerika. Mittlerweile fordert sogar der Mittelstand soziale Reformen. ''Der Staat ist als soziale Instanz bankrott'', sagt eine Journalistin. Jeder sieht zu, wie er allein durchkommt.
Der Abgeordnete Sivuka aus dem Provinzparlament von Rio de Janeiro schützt sich in seinem Büro mit vier Revolvern. Außerdem hockt an der Eingangstür noch ein Mann mit Killervisage und schwerem Handtäschchen. Der große und muskulöse Endfünfziger Sivuka war in den sechziger Jahren einer der zwölf ''goldenen Männer'' der ''EM'', der ''Esquadron Motorizada'', der ''motorisierten Schwadron'', die der Allgemeinheit als ''Es-quadron de Muerte'', als ''Todesschwadron'', geläufig ist. Im Sekretariat hängt ein edles Wappen der ''EM'' mit schwarzem Totenschädel und ge-kreuzten Knochen auf goldenem Grund. Sivuka war auch Chef einer Spezialeinheit der Polizei, die ''nach dem Vorbild der Gestapo'' aufgebaut war, wie er stolz sagt. ''Alles Männer von einer hündischen Treue.'' Sivuka rechnet vor, daß er in seiner Laufbahn an über 100 Schießereien teilgenom-men hat, bei denen mehr als 200 Menschen umkamen. Er selbst bekam fünf Kugeln ab.
Er ist populär wie kaum ein anderer Abgeordneter. Seine Wahl hat er mit der Losung gewonnen: ''Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit.'' Er streicht heraus, daß er auch Präsident eines Vereins ist, der Sozialhilfe für 173 mongoloide Kinder leistet. Und er entringt sich den Satz: ''Mit Hun-ger im Bauch bleibst du nicht lange ehrlich.'' Aber: Ein ''ladrao'', ein Dieb, ist für ihn ein ''Monster''. Der neue Vizegouverneur und Polizeichef der Provinz von Rio, Nilo Batista, nennt Sivuka ''einen notorischen Verteidiger der Todeskommandos''. Derzeit kämpft Sivuka für die Einführung der Todesstrafe bei Raubmord, Entführung, Drogenhandel und Vergewaltigung. Er wird nach einer Meldung der Zeitung O Globo darin sogar von ei-nem Teil der katholischen Kirchenhierarchie unterstützt. Der Gesetzentwurf hat einen Schönheitsfehler: Der einfache Mord sowie der Mordauftrag sollen von der Todesstrafe ausgenommen, die Killerkommandos und ihre Hintermänner mithin verschont bleiben. De facto, so Sivuca entschuldi-gend, habe man ja schon die Todesstrafe: ''Alle stellen sie ihre Todesschwadronen auf, um Minderjährige umlegen zu lassen: Unternehmer, Ge-schäftsleute, Rechtsanwälte und die Leute vom illegalen Glücksspiel.''
Nach einer Untersuchung des Hilfszentrums für die Slumbevölkerung leben in Rio schon rund eine Million Kinder überwiegend auf der Straße. Sie betteln, verkaufen Kaugummi und Blumen, schlagen sich mit Diebstählen und Räubereien durch, suchen in Gangsterbanden Geborgenheit. Sie posieren mit Revolvern und Maschinenpistolen und haben eine kurze Lebenserwartung. ''Spätestens mit zehn, zwölf bekommen die meisten Kinder in Rio mit, daß es für sie keine Zukunft gibt. Die Gesellschaft hat diesen Kindern die Möglichkeit zu lernen und zu spielen längst weggenommen. Statt dessen werden sie mit Gewalt und Tod konfrontiert'', sagt Kripochef Luz. In den Außenbezirken sind Kinder nach den Worten von Pater Louis schon mit fünf, sechs Jahren den Anblick des Todes gewöhnt. Fernsehen und Wirklichkeit gehen ineinander über. Immer wieder zeigen die Photos von O Povo, wie Kinder auf die Leichenpakete starren.
Refugium im Park
In Begleitung von Paul und Tjana, Mitarbeitern vom ''Kreuzzug der Minderjährigen'', treffen wir nach Einbruch der Dunkelheit eine 40- bis 50köpfige Straßenkinderbande im ''Jardim de Allah''. Dieser langgestreckte Park an der Grenze zwischen den feinen Stadtvierteln Ipanema und Leblon gehört um diese Zeit nur den Ratten und den Straßenkindern. Angeführt wird die Gruppe von der stämmigen 14jährigen Adriana, die nach den Worten Pauls ''gelernt hat zu kämpfen'' und sich durchzusetzen. Sie sorgt mit Charisma und lärmender Autorität für die Moral und den Zusammenhalt der Gruppe. Die meisten in der Bande sind zwischen elf und 15 Jahren alt. Es gibt auch ein Baby von sieben Monaten, die Mutter ist 16. Einige Kinder, berichtet Paul, seien hier untergetaucht, weil sie in ihrem Viertel auf Todeslisten der ''Grupos de Exterminios'' stehen. Sie wirken, als könnten sie niemandem ein Härchen krümmen. Sie lachen, sind aufgekratzt und balgen sich wie alle Kinder. Was sie anders erscheinen läßt, sind ihre nervöse Wachsamkeit und die alten Gesichter.
Wie jeden Abend hat Paul warmes Essen und Lunchpakete mitgebracht. Bezahlt wird es von einigen Hoteliers in Ipanema in der Hoffnung, daß die Bande dann die Touristen in Ruhe läßt. Zu essen bekommt aber nur, wer tagsüber auch die Schule für Straßenkinder im Zentrum besucht hat. 300 Kinder werden hier unterrichtet, davon 200, die auf den Straßen leben. Die Kinder gehen gern zur Schule, auch wenn sie nur mühsam lernen. In einer Klasse treffen wir Elf- und Zwölfjährige, die viele einfache Wörter erstmals sprechen üben. Die Gruppe von Adriana ist gewissermaßen privile-giert, weil sich jemand um sie kümmert.
Doch nun ist ihr Refugium im Park in Gefahr. Die Verwaltung von Rio hat angekündigt, daß man für die große Umweltkonferenz der Vereinten Na-tionen im kommenden Jahr 1,5 Milliarden Dollar zur Verschönerung der Stadt sowie für die Sicherheit der Gäste ausgeben will. Die Hilfsorganisa-tionen für Straßenkinder befürchten, daß im Rahmen dieser kosmetischen Operation noch mehr ihrer Schützlinge ''weggeputzt'' werden. Um dem vorzubeugen, hat die linksorientierte und vor wenigen Wochen angetretene Provinzregierung Brizola Leute wie Batista und Luz an die Polizeispitze gehievt. Sie haben ein anonymes Telephon eingerichtet, über welches Todesschwadronen angezeigt werden können. 70 Prozent der bisher mehr als 200 Anrufe sind nach den Worten von Luz ''seriöse Informationen''. Und vor wenigen Tagen wurde erstmals eine Todesschwadron festgenom-men. Der Polizeichef von Nueva Iguaqu, Paolo Souto, ein Polizist wie aus dem Bilderbuch, der selbst beim Gespräch mit Reportern die entsicherte Pistole zwischen den Schenkeln hat, überraschte mit einer Patrouille die vierköpfige Bande, als sie sich gerade daranmachte, vier junge Männer zu erschießen. Der Anführer der Killergruppe entpuppte sich als Polizist.
Andererseits hat O Povo gerade Konkurrenz bekommen. Masche der neuen Zeitung ist es, der harten Gewalt harten Sex beizumischen. Auf Anhieb wurden 120 000 Exemplare verkauft. Wie sagte doch die brasilianische Journalistin? ''Diese Gesellschaft lebt längst in einer Intimität mit dem Tod.'' O Povo-Photochef Faustini legt ein Bild vor, auf dem im Hintergrund das Hügelpanorama von Rio mit dem Zuckerhut erkennbar ist. Im Vordergrund zeigt es einen Pappkarton ,am Strand. Aus ihm ragen die beiden nackten Füße eines siebenjährigen Mädchens. Es wurde vergewaltigt, erschlagen, in die Kiste gezwängt. ''Dieses'', sagt Faustini und schlägt mit der Hand auf das Photo, ''ist die neue Ansichtskarte von Rio de Janeiro.''
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